Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (Haruki Murakami)

In meiner Vorstellung kann man Haruki Murakamis Romane grob in zwei Kategorien einteilen. Da gibt es jene weit schweifende, umfangreiche Bücher, die gerne zwischen verschiedensten Realitäten springen. Zum Beispiel „Mister Aufziehvogel“ oder das drei Bücher umfassende Mammutwerk „1Q84“. Auf der anderen Seite gibt es Romane, wie „Gefährliche Geliebte“ oder auch seine Kurzgeschichten, die kleiner angelegt sind, in der Seitenzahl kompakter daher kommen und eher an unterschiedlichen Realitäten kratzen, ohne diese wirklich zu betreten. „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ würde ich in dieser, letzteren Kategorie verorten und gleichzeitig unbedingt festhalten, dass „klein“ bei Murakami keinesfalls auf die emotionale Kraft und Tiefe des Buches abzielt. Im Gegenteil „Pilgerjahre“ ist vielleicht die bisher intensivste Erzählung gewesen, die ich von Murakami lesen durfte.

Tsukuru Tazaki ist einer dieser Menschen, die Murakami gerne in den Mittelpunkt einer Erzählung stellt. Mitte 30 und ledig. Irgendwo zwischen alltäglicher Routine und dem Außergewöhnlichen. Wohnhaft in einer großen Stadt, in diesem Fall Tokio. Irgendwo zwischen Freude über die Anonymität und Melancholie. Wir erfahren nahezu alles über diesen Herrn Tazaki. Anhand seiner Gedanken und Träume hangelt sich Murakami durch das Leben des Protagonisten. Gegenwart und Vergangenheit befinden sich in einem stetigen Fluss, dazwischen gibt es vage Vorstellungen einer Zukunft.

„Die Pilgerjahre“ ist ein vielfältiger  Roman. An die Geschichte Tsukurus knüpfen sich weitere Geschichten um vier Charaktere an die einst seine Freunde waren. Einst, während der Oberschule, waren diese Freunde eine unzertrennliche Truppe, voller Herzlichkeit zueinander und einer besonderen Chemie. Jeder seiner Freunde besaß eine Farbe als Namen, das Wort für eine Farbe im Nachnamen, nur Tsukuru hieß stets nur Tazaki. Er war sozusagen farblos und so sah er sich auch. So zog er aus der gemeinsamen Heimatstadt weg, wurde ein Ingenieur, der Bahnhöfe entwarf und sah sich stets als Mensch ohne echtes Profil.

Murakami steigt mit der Geschichte von Tsukurus Monaten allein mit Gedanken an den Tod ein. Sie ist ein Herzstück der Erzählung. Ohne zu viel zu verraten sei gesagt, dass nach seinem Umzug die Freundschaft der Fünf endete. Tsukuru, der diese Trennung nie verstand, fiel in eine tiefe Depression. Er wünschte seinem Herzen den Stillstand. Wollte es mit reiner Gedankenkraft abschalten, doch es gelang nicht. Er lebte weiter und wurde zu dem Tsukuru der Gegenwart. Jenem Tsukuru der eine Frau kennen lernt, die ihm keine Wahl lässt, als seine Vergangenheit aufzuarbeiten.

Murakami ist oft ein musischer Erzähler. Manchmal als Kommentar, manchmal als stimmungsvolle Begleitung, stellt er seinen Romanen Musikstücke an die Seite. Oft ist es Klassik oder Jazz. Hier sind es „Die Pilgerjahre“ von Franz Liszt. Tsukuru bekommt diese als Schallplatte geschenkt und von diesem Moment an lassen sie ihn nicht mehr los. Immer wieder hört er die Platten und in ihnen ein ganz bestimmtes Stück („Le mal du pays“). Es schadet dem Lesevergnügen keineswegs währenddessen ebenfalls Liszt zu lauschen. Die Klavierkompositionen sind ideale Begleiter für Tsukurus Gedanken.

Neben diesem Motiv zieht sich Tsukurus einzige Leidenschaft, die der Bahnhöfe, durch den gesamten Roman. Unsere Hauptfigur liebt Bahnhöfe, sie sind eine zweite Heimat für ihn. Während des Studiums betrachtete er sie in allen Facetten. Sein gesamtes berufliches Leben kreist darum. Und für Murakami liegt hier eine versteckte Kraft. Die Szenen, in denen Tsukuru sich mit einem Kaffee in einen Bahnhof setzt, um zu beobachten sind wunderschön in ihrer Einfachheit. Sie sind so „Murakami“ und werden derart von ihm geschrieben, dass man unfreiwillig eine gewisse Sehnsucht nach der gleichen Erfahrung entwickelt. Dort zu sitzen, mit einem wohlriechenden Kaffee und zu schauen wie die Menschen wellenartig ankommen, aussteigen, einsteigen, abfahren. Das Besondere hier ist auch, dass nichts davon negativ ist. Tsukuru dort sitzen zu sehen, losgelöst von der Welt, die ihn umgibt, ist nicht traurig. Es gibt wohl ein wenig Melancholie in diesen Szenen, aber auch die ist eher wie warme Milch, als kaltes Wasser.

„Die Pilgerjahre“ sind nicht nur für Tsukuru emotional. Selten war Murakami für mich gefühlvoller. Er schafft es zwar immer mich auf dieser Ebene zu greifen, aber in diesem Fall hat die Erzählung eine noch größere Wucht. Irgendwo in ihr steckt ein Kern, der zu einem Teil auch in mir steckt. Anders kann ich es nicht beschreiben. Murakami schreibt so, dass seine Worte nicht nur Tsukuru beschreiben, sondern auch mich. Das sie nicht nur seine Gedanken ausdrücken, sondern oft auch meine. Es gibt Parallelen zwischen ihm und mir. Natürlich lässt sich an solch subjektiven Empfindungen schwer ein objektiver Wert des Buches messen. Es ist ein persönlicher Indikator, der dieses Buch über manch anderen Roman hebt. Und mit Sicherheit hat jeder zu gewissen Kunstwerken eine subjektive Bindung, die die Rezeption beeinflussen. Ein solcher Fall ist dieses Buch für mich.

Da man Murakamis Bücher im Grunde nur selten ganz beschreiben kann und sie eher erfahren werden müssen, möchte ich mit einer Beschreibung von Umständen enden. Einen Großteil dieses Buches habe ich während einer Bahnfahrt gelesen. Anderthalb Stunden dauerte diese Fahrt, an einem Samstag. Ich saß am Fenster in einem Vierer. Ich saß auf der Sonnenseite, sprich die Sonne schien mir immer wieder in das Gesicht. Flackerte zwischen Bäumen und Häusern hindurch. Der Zug war weder voll noch leer. Zu keinem Zeitpunkt hat sich jemand zu mir in den Vierer gesetzt. Mal hatte ich ein Bein über das Andere geschlagen, dann wieder nicht oder anders. Immer wieder habe ich einen Schluck Wasser getrunken. Dann wieder gelesen. Den Kopf gehoben. Dann wieder gelesen. Musik hörte ich nicht. Irgendwann hatte ich mein Ziel erreicht. Das Buch steckte zugeklappt in meinem Rucksack und ich strömte mit anderen Menschen durch den Bahnhof hinaus in eine Innenstadt und weiter durch sie hindurch. Die gesamte Zeit über war ich glücklich. Entspannt. Mit jeder Faser im Reinen und vollkommen umfangen von meiner Realität und gleichzeitig verfremdet von der wundersamen Welt dieses besonderen Buches.

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Pulp Fiction (Quentin Tarantino, 1994)

In den 24 Jahren seit „Pulp Fiction“ zum ersten Mal über eine Kinoleinwand flimmerte hat wohl jeder halbwegs interessierte Filmfan seine Meinung zu Quentin Tarantinos zweitem Film abgegeben. Was sag ich? Vermutlich hat auch die andere Hälfte und sogar Jene, die sich so gar nicht für Kino begeistern können irgendeine Meinung zu diesem Meisterwerk gebildet und geäußert. Ohne Frage ist dies einer der bekanntesten Filme der gesamten Filmgeschichte und tatsächlich hat Tarantino hier Größtes vollbracht. Aber wem sage ich das. Stilbildend, bahnbrechend, unvergleichlich. Das sind nur drei von unzähligen Adjektiven, ja Superlativen, die regelmäßig in diesem Zusammenhang fallen. Warum also noch etwas über diesen Film schreiben? Nichts kann neu sein, nichts kann beobachtet werden, was nicht schon gesehen wurde. Im Endeffekt ist dieser Artikel also ein egoistisches Vergnügen für seinen Autor, für den „Pulp Fiction“ kein ganz selbstverständlicher Filmklassiker ist. Nicht nur für das Filmgeschäft, sondern auch für mich hat Tarantino hier etwas begründet, dass auch heute noch fasziniert und prägt.

Ich kann nicht definitiv sagen, wann ich „Pulp Fiction“ zum ersten Mal sah. Im Fernsehen vermutlich. Oder war es über eines dieser ominösen Internetportale, die eine Zeit lang das Streaming einläuteten? Es war jedenfalls nicht im Kino, aber ich erinnere mich noch genau, dass nach der ersten Sichtung augenblicklich die DVD her musste. Schließlich war da nicht nur auf der Rückbank eines Autos ein Kopf explodiert, sondern auch vor der Mattscheibe. Vor 10 oder 12 Jahren war mein Filmgeschmack noch recht wahlos. Action war klasse, aber so richtig viele Filme hatte ich noch nicht gesehen. „Pulp Fiction“ änderte all das. Einfach weil dieser Film so anders war und mit Tarantino eine Persönlichkeit dahinter stand, die so fantastisch nahbar war. Unter Umständen war er gleichzeitig auch der erste Filmemacher, den ich als solchen wahrgenommen habe. Als Drehbuchautor und Regisseur. Und natürlich als der Typ, der aus der Videothek mit ganz viel Leidenschaft bis auf den Regiestuhl geklettert war. Einfach nur mit Leidenschaft. Und natürlich Talent, dass Tarantino auf unvergleichliche Art besitzt.

Die DVD trudelte ein und ich sah den Streifen nochmal. Dann sah ich die Bonus Disc, warf den Blick hinter die Kulissen und beschloss ein Tarantino Fan zu sein. Ich machte mich auf die Suche und wurde fündig. „Reservoir Dogs“, „Jackie Brown“, „Kill Bill“ und so weiter und so fort. Alles wurde nach und nach geschaut, dann wieder geschaut. Mein erster Tarantino Kinobesuch war dann „Inglourious Basterds“. Zweimal. Und später wieder auf DVD. „Pulp Fiction“ habe ich über die Jahre noch viele weitere Male gesehen. Es ist ein go to Film, den ich immer sehen kann. Ein all time favorite. Bemerkenswert ist jedoch, dass ich ihn in den letzten Jahren kaum noch gesehen habe. Tarantino hatte mich zeitweise ein wenig verloren. In der Filmwelt, in die er mich erst geschickt hatte, fand ich neue, andere Helden und Tarantinos Werke begeisterten nicht mehr ganz so sehr.

Doch als die Gelegenheit auftauchte, den Film, der so vieles begründet hat, auf der großen Leinwand zu sehen, „Pulp Fiction“ im Kino zu sehen, da musste ich zuschlagen. Vincent und Jules, überdeminsonal? Twisten im dunklen Kinosaal? Einmalig. Gestern saß ich also in einer vollbesetzten Retrospektive von „Pulp Fiction“, ließ ein bisschen Werbung und ein paar Trailer zu, im Vergleich, unzulänglichen Filmen vorbeiziehen, und mich nocheinmal ganz von Tarantino einfangen.

An dieser Stelle kommen hier so etwas wie meine Greatest Hits aus „Pulp Fiction“, beziehungsweise die Aspekte, die ich auch nach 24 Jahren noch erwähnenswert finde. Definitiv gibt es noch viele weitere Dinge, die immer wieder auch heute noch erörtert werden könnten.

Für mich ist wohl eine der größten Offenbarungen, die ich auch heute noch in diesem Film finde, seine Art zu sprechen. „Pulp Fiction“ ist ein wunderbar sprachlicher Film. Die Figuren sprechen eine Menge, mal über belangloses Zeug, mal über Dinge, die sehr relevant für die Handlung sind und mal über profunde Erkenntnisse zum menschlichen Dasein. Die Dialoge sind unbestreitbar, die Sprache ist unverkennbar. Nicht zufällig sind Sprüche und Wortlaute in die Popkultur und darüber hinaus bekannt geworden. Tarantino ist zuerst Autor, alles andere kommt danach. Und als Autor versteht er es seit jeher Figuren über ihren verbalen Ausdruck zu definieren.

Etwas Offensichtliches, aber immer wieder Erwähnenswertes ist die Erzählstruktur. Ja, klar, da läuft alles durcheinander, in Kapiteln und Überschneidungen. Aber man muss sich doch immer mal wieder vor Augen führen, wie genial Tarantino das non lineare Erzählen zu praktizieren weiß. In „Pulp Fiction“ macht die Struktur so sehr Sinn, ist nie ein Gimmick, sondern ein unbedingter Mehrwert. Ein Beispiel ist Vincent Vega. Nach der Häfte der Handlung ist Vincent eigentlich schon tot. Erschossen von Butch. Ein Moment der Traurigkeit für den Zuschauer, der vorher schon so viel mit ihm erlebt hat. Dann kommt die Erzählstruktur zum Tragen und plötzlich lebt Vincent weiter. Kinomagie, ja. Vor allem aber ermöglicht uns Tarantino dadurch ein positives Erlebnis. Klar, auf irgendeiner Ebene wissen wir auch am Ende, dass Vince gestorben ist, aber wenn er gemeinsam mit Jules aus dem Diner wackelt spüren wir keine Traurigkeit. Am Ende ist alles gut.

Übrigens ist Jules Ansprache am Ende ein wunderbares Beispiel für Tiefe bei Tarantino. Unvermittelt kommt da etwas so Tiefgründiges und Reines aus seinem Mund, dass er mir jedes Mal die Augen wässert. Jules möchte der Hirte sein. Er versuchts, dass verspricht er. Und ich glaube ihm. Und in dem Moment streckt sich dieser Glaube auf meine Realität, weit über die Leinwand hinaus aus.

Ich liebe Mr. Wolf. Liebe die wunderbare Beziehung zwischen Butch und Fabienne. Liebesgeschichten, wie nur Tarantino sie schreibt. Ich liebe Honey Bunny, die sich am Ende fast in die Hose macht. Liebe Travoltas schwummerigen Blick und seinen lässigen Gang. Liebe die ganzen Burger, Fritten, Pancakes, Kaffeetassen und alle anderen Nahrungsmittel. Liebe Jules Wandlung. Den Pfad der Gerechten. Liebe das Jack Rabbit Slims und auch den Diner. Liebe Mias Tomaten Witz. Fun fact: dies ist der einzige Witz, den ich erzählen kann. Noch ein Fun fact: ich habe ihn jahrelang falsch erzählt. Im Grunde liebe ich alles an „Pulp Fiction“. So sehr, dass ich ihn heute wieder schauen würde. Und morgen wieder. Und übermorgen. Das nennt man dann wohl einen Lieblingsfilm. In diesem Sinne: Come on let’s twist again.