Cream (Haruki Murakami)

„Cream“ ist eine Kurzgeschichte des japanischen Autors Haruki Murakami, die zuletzt auf der Website des New Yorker veröffentlicht wurde. Neben der Geschichte wurde dort auch ein kleines Interview mit Murakami publiziert.

Andeutungsweise und offen geschrieben ist diese Geschichte kompakt, aber mit einigem Leben ausgestattet. Strukturell ist das Ganze derart aufgebaut, dass ein namenloser Ich-Erzähler einem Freund von den verwirrenden Ereignissen eines Sonntag Nachmittags von vor einigen Jahren berichtet. Am Anfang, so wie am Ende gibt es daher kleine Rahmenabschnitte und in der Mitte befindet sich die Geschichte selbst. Durch diesen Aufbau wirkt „Cream“ dann auch weniger wie eine fiktionale Geschichte, sondern viel mehr, wie der Bericht eine Freundes. Der Leser selbst ist in der gleichen Position, wie der Freund des Erzählers. Zu Beginn wird uns die Geschichte angekündigt, dann werden wir hineingezogen, anschließend stellen wir bestimmte Fragen, die der Erzähler (teilweise) beantwortet. Man könnte noch einen Schritt weitergehen und diese Kurzgeschichte als direktes Gespräch zwischen dem Autor und seinen Lesern betrachten.

Inhaltlich sind verschiedene zentrale Motive vorhanden. Da ist ein Kreis mit vielen Zentren, aber ohne Umfang. Da ist die erinnerungswürdige Erfahrung einer Begebenheit, die man nicht versteht. Da ist das Langweilige und Wertlose und da ist die Creme de la Creme. Sicherlich gibt es verschiedene Lesarten dieser Geschichte. Murakami ist seit jeher ein Autor der unzählige Interpretationen zulässt. Ich für meinen Teil habe „Cream“ als Erzählung über Lebenswert und Lebensfokus empfunden. Das Leben selbst scheint jener unvorstellbare Kreis mit vielen Zentren aber ohne Umfang zu sein. Es ist nicht wirklich begrenzt und kann sich ausdehnen, wie es mag, hat aber stets zentrale Komponenten. Diese zentralen Komponenten, so scheint es der Erzähler zu erkennen, sind es was das Leben lebenswert machen. Sie sind das Beste im Leben und es macht Sinn sich auf sie zu fokussieren. Tut man dies, so findet man, dass es eben nicht darum geht, jede merkwürdige Begebenheit zu verstehen. Im Endeffekt befinden sich solche Dinge schließlich nicht zwingend in einem der Zentren, sondern sind eher langweilig und wertlos. Die Creme des Lebens sind also die Dinge, die wir verstehen können und die so zu einem Zentrum unserer Weltsicht werden können.

Murakami gelingt mit „Cream“ die Zusammenfassung dieser Gedanken in einer kleinen Erzählung. Unverkennbar Murakami ist das Ganze sicherlich. Lesenswert für eine gute halbe Stunde im Alltag ohne Frage auch.

Link zu „Cream“: https://www.newyorker.com/magazine/2019/01/28/cream

Link zum Interview: https://www.newyorker.com/books/this-week-in-fiction/haruki-murakami-01-28-19

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Free State of Jones (Gary Ross, 2016)

Das ist er also. „Free State of Jones“ ist der, mit einem mittleren Budget ausgestattete, Hollywoodfilm für ein erwachsenes Publikum, den es eigentlich heute kaum noch gibt. Immer wieder wird er totgeschrieben. Es gäbe nur noch Blockbuster oder Independentkino, dazwischen wäre in den Budgets kein Platz mehr für interessantes Kino. In diesem Fall muss man den Fehler nicht auf Seite der Produzenten suchen. „Free State of Jones“ ist ein klassisches Drama vor historischem Hintergrund. Der Film erinnert in seiner Spannweite und auch in seiner abgeklärten Erzählweise an vergangenes Kino, welches die Traumfabrik einst ausgezeichnet hat. Es fällt mir schwer Vergleiche anzustellen. Vielleicht kann man diesen Film aber als Gegenteil von Tarantinos hektischen Filmen in ähnlichem historischen Kontext bezeichnen. Hier geht es weniger um plakative Spannung oder Unterhaltung, sondern einzig um die Erzählung. Vielleicht kann man Gary Ross Film also einen klassischen Erzählfilm nennen.

„Free State of Jones“ beginnt im US-Bürgerkrieg. Wir begleiten Newton Knight (Matthew McConaughey), einen Soldaten der Konföderierten. Desillusioniert von den Ereignissen an der Front desertiert er und kehrt zurück in seine Heimat. Dort findet er eine unterdrückte Welt vor. Soldaten der Armee für die er und seine Freunde kämpfen, terrorisieren die Menschen, nehmen ihnen Lebensmittel, andere Vorräte und natürlich die Söhne. Als Deserteur wird er gejagt. Er flüchtet in die Sümpfe, wo er eine Gruppe entflohener Sklaven vorfindet. Eine Freundschaft entsteht. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Die genannte Freundschaft ist das Herz des Filmes. Darum herum gibt es viele Handlungsstränge und auch aus der Freundschaft zwischen Knight und besonders Moses Washington (Mahershala Ali) entstehen Handlungen. Insgesamt geht der Film über den Bürgerkrieg hinaus, behandelt verschiedene Ereignisse danach und stellt das Ganze in Zusammenhang mit Geschehnissen, die 85 Jahre später passieren. Komplex, kann man dieses Werk auf inhaltlicher Ebene also mit Sicherheit nennen.

Gerade am Anfang hat mich vor allem die Perspektive des Films erfreut. Es ist für Werke in diesem Kontext nicht typisch als Hauptfigur einen Konföderierten vorzustellen. Zumindest kommt es nicht so häufig vor. Erzählt wird hier zudem die Geschichte eines Außenseiters. Newton Knight ist in der Armee einer der am Rande steht und nach seinem Wiedereintritt in die Gesellschaft wird er noch weiter an deren Rand geschoben. Dort bleibt er auch nach dem Krieg. In der Hinsicht ist er bezeichnend für die Handlung selbst. Hier ist ein Film, der sich einer Randnotiz der Geschichte widmet, die jedoch symbolisch für den großen Kontext stehen kann. Sie erzählt im Kleinen vom Großen. Gleichzeitig darf man die Perspektive auch im Zusammenhang mit gegenwärtiger Politik sehen. Der Süden der vereinigten Staaten ist hier Schauplatz und Protagonist. Jener Süden auf den die Demokraten seit Jahren und Jahrzehnten schimpfen. Der Eigenheiten hat, Überreste von Rassismus aufweisen mag, aber im Endeffekt auch oft aus Menschen besteht, die von den Technologiezentren an den Küsten der USA nicht weiter entfernt sein könnte. Auch wenn die Handlung im späten 19. Jahrhundert spielt ist diese Perspektive spannend, weil sie ein differenziertes Bild der Südstaaten zeichnet. Die alte Erkenntnis, dass es nicht nur gut oder schlecht an einem Ort gibt, wird verstärkt. Es könnte ein Zufall sein, dass dieser Film im Klima Trump nicht beachtet wurde, vom Publikum verschmäht wurde, aber vielleicht passt es ins aktuelle Bild. Schade ist es in jedem Fall.

Gerade weil es einfach ein guter Film ist. Das detailreiche Drehbuch führt sicher von einer Szene in die nächste. Regisseur Gary Ross erzählt besonnen, schafft oft harte, direkte Bilder. Einprägsame Bilder. McConaughey ist in der Titelrolle einmal mehr sehr überzeugend. Für diese Art von Rolle, die teilweise eine animalische Intensität aufweist, gibt es momentan keinen Besseren. Er ist ein vollkommener Schauspieler, der jede Note trifft und gleichfalls das nötige Gravitas besitzt, um uns mit seiner bloßen Präsenz in den Bann zu ziehen.

„Free State of Jones“ ist also auf mehreren Ebenen empfehlenswert. Als Film, als inspirierende Handlung, als berührende Erzählung.