Rekrutin (Johann Klar 2)

Die Türen öffneten sich und Johann Klar verließ den Spiegelraum. Mit einer ledernen Aktenmappe unter dem Arm hatte er an der Rückwand des Aufzugs gelehnt. Er kam aus dem Erdgeschoss, genauer, aus seinem Büro. Im Aufzug hatte er sich im Spiegel betrachtet, kurz über seine Haare gestrichen und sein Gesicht gelockert. In seiner Position war der richtige Gesichtsausdruck zum richtigen Zeitpunkt wichtig. Je nachdem welche Kraft sein Beruf ihm gab sogar überlebenswichtig. 

Er verließ den Aufzug im dritten Stock. Dort wandte er sich nach rechts und in einen längeren Korridor. Menschen kamen ihm entgegen. Manche allein, andere in kleinen oder größeren Gruppen. Viele trugen ihre Uniform. Johann Klar trug keine Uniform. Sicher, er hatte einst eine besessen, sie hing sogar noch in seinem Schrank, doch schon einige Jahre musste er sie nicht mehr tragen.  

Jetzt marschierte er mit der Mappe unter dem Arm in den weiten Raum am Ende des Ganges. Kurz hinter der Türe blieb er stehen, orientierte sich, entdeckte etwas und ging darauf zu. Der erste Bereich der Kantine war mit runden Tischen für maximal vier, aber idealerweise zwei Personen ausgestattet. Auf einem Tisch in der Ecke stand ein Schild mit seinem Nachnamen. Johann setzte sich mit dem Rücken zur Ecke und rückte das Schild etwas zur Seite, sodass es ihn nicht störte, aber weiterhin lesbar für Neuankömmlinge blieb. Dann schlug er die Mappe auf. 

Als er sie wieder zuschlug bemerkte er zwei Dinge. Einerseits hatte sein Studium der Mappe keinerlei neue Erkenntnisse zu Tage gebracht, andererseits wurde er beobachtet. Die junge Frau stand etwas abseits des stetigen Stroms an Menschen vor der Kantine. Sie trug eine Uniform. Auch diese Uniform hatte Johann getragen, doch das lag noch länger zurück. Kurz tat er so als hätte er sie überhaupt nicht bemerkt. Angenehm, diese Sicherheit. Dann hob er den Blick schnell und schaute der Frau direkt in die Augen. Es war ein Starren, dass sich in einem Lächeln auflöste. 

„Nun, guten Appetit Anna. An die Kürbissuppe habe ich mich hier noch nie getraut.“ 

„Sie verpassen etwas, denke ich. Ich esse sie nicht zum ersten Mal. Ihnen auch einen guten Appetit. Das Schnitzel ist wohl eine sichere Bank.“ 

„So kann man es sagen.“ 

 

„Ich vermute, dass ich ihnen gar nicht viel über dieses Treffen erzählen muss? Wie sie wissen bin ich Inspektor und so treffe ich immer wieder neue Leute, wie sie.“ 

„Richtig.“ 

„Wie lange sind sie schon dabei?“ 

„Ich stehe kurz vor dem Abschluss. Bin im dritten Jahr an der Schule und sammele seit einigen Monaten konkrete Fallerfahrung.“ 

„Das hört sich ja spannend an. Erzählen sie mal. Wo ging es zuletzt hin?“ 

„Ein Doppelmord drüben auf der anderen Seite des Flusses. Man fand ihn unter einer Brücke und sie im Gartenhaus daheim.“ 

„Und daraus wird ein Doppelmord?“ 

„Sozusagen. Der Täter war ein Arbeitskollege der Frau. Er dachte, er könnte das alles verschleiern. Aber manchmal ist etwas Merkwürdiges noch auffälliger.“ 

„Nicht nur manchmal. Eigentlich immer. Wie ging es ihnen danach?“ 

„Es…es war nicht das erste Mal.“ 

„Wie ging es ihnen nach dem ersten Mal?“ 

„Zum Kotzen.“ 

„Mir auch. Mir auch,“ lachte Johann. 

„Ich schätze sie mussten schon Einiges mehr verdauen als ich.“ 

„Das kann man so sagen. Der Job bringt es mit sich. Werden sie nach dem Abschluss hierbleiben?“ 

„Ehrlich gesagt?“ 

„Immer.“ 

„Ich weiß es nicht. Man hat mir noch kein Angebot gemacht.“ 

„Und wenn man ihnen Eines machte?“ 

„Sind wir deshalb hier?“ 

„Nein, nicht wirklich. Also?“ 

„Ich würde es in Betracht ziehen. Natürlich würde ich. Das Problem ist, dass ich nicht weiß, ob ich für den Rest meines Lebens auf Leichen hinuntersehen möchte.“ 

„Für den Rest ihres Lebens. So ist es ja nicht immer. Dennoch verstehe ich, was sie meinen. Ich glaube, so langsam kommt ein wenig Licht in dieses Dunkel hier zwischen uns.“ 

„Entschuldigung?“ 

„Der Sinn dieses Treffens. Langsam dämmert es mir. Aber ich komme noch nicht ganz drauf. Die sind gut.“ 

„—„ 

„Tut mir leid. Ignorieren sie das. Wissen sie solche Entscheidungen sollten wohl überlegt sein. Was sagt ihre Familie dazu?“ 

„Gar nichts.“ 

„Wie, gar nichts?“ 

„Ich habe keine Familie mehr. Habe nie eine gehabt. Sie kennen die Leute, die behaupten ihre Familie seien Menschen aus dem Heim in dem sie aufgewachsen sind? Das tue ich nicht. Ich habe keine Familie.“ 

„Also liegt die Entscheidung ganz allein bei ihnen, was sie mit ihrem Leben anfangen.“ 

„So ist es.“ 

„Erlauben sie mir diese Frage: Warum sind sie hier?“ 

„Das ist eine Frage, die ich leicht beantworten kann. Meine Zeit auf diesem Ball wird enden. Ich weiß es sehr genau. Bis dahin möchte ich mich nützlich gemacht haben.“ 

„Sie wissen es ganz genau. Wie spannend. Es ist als hätte jemand die Uhr umgedreht und wir schauen nun ganz gemütlich zu, wie der Sand nach unten rieselt.“ 

„Interessanter Vergleich.“ 

„Sie wissen gar nicht wie interessant.“ 

„Sehr interessant.“ 

„Denken sie?“ 

„Ich weiß es.“ 

„Sie wissen es.“ 

„Ja.“ 

„Sie passen eben auch in das Profil.“ 

„In welches Profil?“ 

„Das wissen sie also nicht?“ 

„-„ 

„Nicht in das Profil des Beamten, zumindest nicht vorrangig. Nein, in ihr Profil. Allein auf der Welt. Stark. Unabhängig und doch. Mit einem Wissen über die Zeit versehen. Das sitzt ihnen immer im Nacken, nicht wahr? Sprichwörtlich und wortwörtlich.“ 

„Sie kennen es?“ 

„Deswegen sind sie wohl hier. Weil ich es kenne und sie es haben. Nach all den Worten wird dies hier ein einfaches Bewerbungsgespräch. Es ist mein Leben, sozusagen.“ 

„Ich habe mich nirgendwo beworben.“ 

„Offensichtlich hat sie einer beworben. Vielleicht finden wir raus wer das ist. Aber vorher zeigen sie es mir. Welches Handgelenk?“ 

„—- Rechts.“ 

„Schieben sie nur kurz den Ärmel hoch. Ah. Da ist es. Dachte ich es mir doch.“ 

„Ich weiß nicht woher es stammt.“ 

„Da kann ich leider auch nur wenig weiterhelfen.“ 

„Ich dachte, das hier ist ihr Leben. Sagten sie doch gerade.“ 

„Ist es auch, aber ich weiß kaum zwei Dinge über den Ursprung. Ich kenne nur die Gegenwart.“ 

„Sie kennen nur die Gegenwart. Wie geheimnisvoll.“ 

„Was wissen sie darüber?“ 

„Vermutlich nur wenig mehr als sie.“ 

„Sie wissen nicht, wer ihnen diese Sanduhren verpasst hat?“ 

„Nein. Sie sind mit mir gewachsen.“ 

„Gewachsen. Wie alt sind sie? Ach, es steht ja in den Akten. 27 nicht wahr? Interessant. Wissen sie. Ich denke das reicht für heute.“ 

„Für heute?“ 

„Sie sind eingestellt. Sozusagen. Ihre Bewerbung ist geglückt. Ich werde das regeln. Sie fangen nächsten Monat an.“ 

„Aber -„ 

„Sie werden mir helfen können. Meine Assistentin sein. Und ich werde ihnen helfen. Ich untersuche die Sanduhren. Sie wissen wohl gar nicht, was dieses Zeichen bedeutet. Ich weiß ein wenig. Nächsten Monat fangen sie an.“ 

Johann schob die Stapel beiseite und legte die Mappe auf den Schreibtisch. Dann ließ er sich in den Stuhl fallen. Er seufzte und rieb sich das Gesicht. Was für ein Tag. Ein paar Minuten saß er reglos da. Starrte geradeaus auf die Korkpinnwand. Dort befand sich seine Arbeit. Ein Teil davon. Unzählige Bilder von tattowierten Handgelenken und Rücken. Sie überlappten einander. Manche waren besser zu erkennen, andere waren im Sterben verunstaltet worden. Bei jedem Tattoo hing auch ein kleines Portrait. Schnappschüsse von Personalausweisen und Reisepässen. Auf ihnen lächelten manche Gesichter, anderen war es schon verboten worden. Johann ertappte sich gelegentlich dabei, wie seine Augen sich mehr um die lächelnden Toten kümmern wollten. 

Als er sich aufsetzte öffnete er die Mappe und las ihren Namen erneut. Anna Franz. Sie war die erste Sanduhr, die er lebendig kennenlernen würde. 

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Sanduhr (Johann Klar 1)

Der Mann ließ die Haustür offen stehen. Licht schien in den dunklen Vorgarten, durch den er rannte. Gleichzeitig stülpte er einen Motorradhelm über seinen Kopf. Kurz verschwand alle Wahrnehmung. Dann schob er das Visier mit einer schnellen Handbewegung nach oben. Die Umwelt kehrte zurück. Niemand verfolgte ihn. Er sprang über den niedrigen Zaun, steuerte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Zwischen zwei Autos stand ein rot-schwarzes Motorrad. Der Mann lief darauf zu, mit einem Satz saß er darauf. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, löste die Verriegelung und schob sich rückwärts auf die Straße. Dort drehte er den Schlüssel und spürte, wie die Hölle losbrach.

Ein Brodeln erschütterte die Straße. Dann spritzten gelb orangene Flammen aus den Endrohren. Der Mann zog fester an den Bremsen, während das Hinterrad durchdrehte. Gummi und Asphalt gingen in einer Rauchwolke auf, die ihn bald vollständig umhüllte. Als es soweit war löste er die Bremsen. Das vordere Rad ging hoch. Es quietschte, dann schoss das Motorrad aus dem Nebel. Unaufhaltsam stob es auf das Ende der Straße zu. Erneut ein lautes Quietschen, als der Mann in die Kurve ging. Drei Straßen weiter verfehlte er die Kurve. Er schleuderte kurz, krachte den Bordstein hoch zwischen parkende Autos, fing sich dann. Gut zweihundert Meter weiter verließ er den Gehweg wieder. Die Federn ächzten, als er auf die Straße sprang.

Um ihn herum verschwamm alles. Im Licht der Laternen wurden die Autos zu glitzernden Schlieren. Seine roten Rücklichter schienen wie Laser in die Luft gebrannt zu sein. Unter ihm wurde die Textur zu einer glatten schwarzen Oberfläche. Nur vom weißen Wuschen der Mittelstreifen unterbrochen. Der Motor brüllte. Fahrer und Gefährt waren eine Einheit. Sie jagten den Fluss entlang. Bemerkten die zwei Typen an der Ecke nicht. Vielleicht riefen sie ihm etwas nach. Vielleicht schüttelten sie entgeistert den Kopf. Vielleicht bekamen sie ihn gar nicht mit. So schnell war der Donner an ihnen vorbei und weiter. Weiter. Weiter.

Irgendwo in der Nähe der großen Brücke hob er kurz den Arm. Der Ärmel rutschte hoch. Ein Blick auf die Uhr? Gleichzeitig krümmte er sich. Sein Schrei übertönte das Motorrad nicht. Links, rechts um die Kurven. Geradeaus. Das Gas am Anschlag, die Bremsen jetzt völlig ignoriert. Auf der anderen Seite des Flusses. Hinaus auf die breite Umgehung durch den Wald. Visier nach oben. Quellende Augen. Offener Mund und Schrei. Und Tempo. Mehr. Keine Umgebung. Nicht erkennen. Ein wilder Moment. Ein neues Geräusch als die Drehzahl im Leerlauf durchging. Dann eine Kakophonie. Krachen. Mehrere Feuerbälle. Ein helles Flackern zwischen den Bäumen des umliegenden Waldes.

Inspektor Johann Klar erreichte den Ort des Geschehens als Letzter. Gewohnheitsmäßig hatte er auf dem Weg beim Kiosk an der Ecke angehalten und einen Becher Kaffee gekauft. Er konnte sich diese Zeit leisten. Wenn sein Mobiltelefon klingelte und die Stimme am anderen Ende verlauten ließ: „Wir haben eine Sanduhr gefunden“, dann seufzte er meist leise und indifferent bevor er sich auf den Weg machte. Diesmal hatte es doch einige Minuten gedauert, bis er angekommen war. Der Kaffeebecher lag schon leer im Fußraum des Beifahrersitzes, als er auf die Straßensperre stieß. Blau und rot flackerte das Licht der Streifenwagen und des Krankenwagens in seinen Augen. Es verlor sich zwischen den Wänden aus Nadelbäumen, die die Straße einschlossen, wurde in den Scheiben seines Autos gebrochen und vom Asphalt der Straße reflektiert.

Ein Uniformierter hob das Absperrband und Johann fuhr darunter hindurch, parkte am Straßenrand. Er stellte den Motor ab und öffnete die Tür. Dabei glich er einer Katze. Geschmeidige, flüssige Bewegungen, ausgeführt von einem drahtigen Körper. Er stieg aus, streifte sich sein schwarzes Sakko über und warf die Tür zu.
Anschließend ging er weiter die Straße entlang und auf die kreuz und quer abgestellten Autos zu. Drei Streifenwagen, ein Krankenwagen registrierte er. Zwischen acht und zehn Menschen. Zu dieser Tageszeit wohl eher acht. Er hatte schon mit deutlich mehr Kandidaten fertig werden müssen.

Während er das Heck einer der Limousinen umrundete und an der Seite des Krankenwagens entlangschritt entschied er, dass es in der Nähe des Krankenwagens passieren musste. Nachdem er sich die Sanduhr angesehen hatte würde er alle dort hin verfrachten müssen. Aber eigentlich war der Ort auch egal.

Die Beamten standen lose in der Nähe der Leiche. Johann identifizierte den leitenden Polizisten und steuerte auf ihn zu. Man beachtete ihn nicht weiter. Zumindest nicht offensichtlich. Genauer betrachtet drehte sich jeder Blick, wurde jeder Schritt nun so gesetzt, dass der Neuankömmling im Blickfeld blieb. Ohne den Toten in ihrer Mitte weiter zu betrachten reichte Johann dem Kommissar seine Hand.

„Inspektor Johann Klar, sie wurden informiert.“
„Nun, so genau kann ich das nicht sagen. Mir wurde vermittelt, dass sie kommen-“
„-aber natürlich nicht warum. Und ob es jetzt ein Zuständigkeitsgerangel gibt. Eins kann ich versichern Herr-?“
„Stumpf ist mein Name. Stumpf.“
„Wunderbar. Herr Stumpf. Wie gesagt, eines kann ich ihnen versichern. Länger als noch diese paar Stunden heute Abend werden sie nicht mit dem Toten zu tun haben. Die Zuständigkeit ist da sehr klar. Von hier übernehmen wir, oder ich.“

Johann betonte diesen letzten Satz wie ein alter Fernsehcop und zwinkerte dabei ein wenig. Die Situation lockerte sich nur wenig. Stumpf war misstrauisch. Man kann ihnen das gar nicht übel nehmen. Aber es musste dennoch weitergehen.

„Zeigen Sie mir was sie gefunden haben?“
Stumpf nickte und drehte sich dann zur Leiche. Er wollte vor dem mysteriösen Fremden eine gute Figur abgeben. Als er sprach tat er dies mit fester Stimme.
„Die Kollegen und ich sind vor ungefähr zwei Stunden eingetroffen. Wir reagierten auf verschiedene Meldungen, die von einer Explosion im Südwald berichteten. Uns war ziemlich klar, dass es sich nicht um eine herkömmliche Explosion handeln konnte. Dabei hätte sich das Feuer anders ausgebreitet. Also fuhren wir hierher und fanden zwei Aspekte. Einerseits die Maschine dort drüben. Sie lag unter den vordersten Bäumen. Muss ungefähr 20 Meter über den Asphalt gerauscht sein. Der Tank ist explodiert. Andererseits ihn hier. Den Fahrer.“

„Kein schöner Anblick,“ bemerkte er. „Wir können von Glück reden, dass der Kerl wenigstens seinen Helm angezogen hat.“ Es war offensichtlich, dass eine Identifizierung ohne besagten Helm sehr schwierig geworden wäre. Zwar war das Visier gesplittert und die Oberseite des Helms eingedellt, aber der Kopf darunter schien halbwegs unversehrt. Dies konnte man nicht vom restlichen Körper behaupten.
„Knochenbrüche. So sähe man wohl aus, wenn man in eine dieser Schrottpressen verfrachtet wird. Kaum etwas an ihm ist unversehrt. Die Ärzte sagen, dass seine Organe vermutlich völlig zerfetzt sind. Knochensplitter haben sie durchbohrt. Daran ist er wohl gestorben. Genaueres wird die Obduktion feststellen.“
Die wird nicht nötig sein.
„Wann haben Sie es festgestellt?“
Johann stellte diese Frage immer. Er musste es nicht, aber er war neugierig.
„Ziemlich zum Schluss. Wir waren beinahe durch, aber dann entdeckten die Kollegen die Tattoowierung. Sie ist am linken Unterarm. Ein wenig schwer zu erkennen.“
Johann ging in die Hocke. Sein linkes Knie knackte und er spürte die Kniescheibe springen. Das Rechte machte keine derartigen Probleme. Er hatte bisher keines der Beiden untersuchen lassen. Aus der Innentasche seines Sakkos nahm er einen Plastikhandschuh und streifte ihn sich über. Der linke Arm des Toten war verdreht und von Kratzern und Blut übersät. Johann drehte ihn vorsichtig und fand an der Innenseite des Unterarms, dort wo normalerweise die Finger zum Messen des Pulses hingelegt werden, was er suchte.
Das Tattoo war ungefähr 1.5cm groß. Wie immer. Und ebenfalls wie immer zeigte es die Umrisse, nur die Umrisse, einer Sanduhr.
Er berührte das Tattoo mit dem Zeigefinger, strich darüber und spürte die leicht hügeligen Konturen der Uhr. Von den Konturen ging immernoch eine leichte Vibration aus, die sich auf Johanns Finger übertrug. Der Teufel lässt seine Seele tanzen, dachte er und musste unwillkürlich grinsen.

Nachdem er die Echtheit des Tattoos bestätigt hatte bat Johann, Stumpf die restlichen Bediensteten am Krankenwagen zu versammeln. Während Stumpf seine Runde drehte blieb Johann bei dem Toten. Offensichtlich war dieser noch nicht identifiziert worden. Stumpf hätte es ihm gesagt. Aus einer seiner Jackentaschen holte Johann ein kleines, flaches Gerät. Er hielt das Kameraauge auf der Rückseite so, dass das Gesicht des Toten erfasst wurde. Augenblicklich erschien ein Name. Johann steckte das Gerät schnell weg, unbeobachtet. Der Name und das Gesicht waren gespeichert. Er würde die Daten später auswerten. Über die Schulter sah er, dass sich die Beamten am Krankenwagen versammelt hatten. Er erhob sich und ging zu ihnen hinüber. Ihre Gesichter kennzeichnete die übliche Mischung. Ein wenig Misstrauen, Wachsamkeit und vor allem das Stirnrunzeln von Menschen, die mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen wurden, den sie nicht verstehen. Johann verübelete ihnen keine dieser Emotionen. Er hatte sie auch einmal gespürt. Jetzt stand er in ihrer Mitte und lächelte freundlich.

„Danke, dass Sie mir kurz zuhören. Man hat meiner Stimme heute Nacht etwas mehr Kraft verliehen als es für einen Inspektor meines Formates üblich ist.“
Johann holte Luft. In mindestens drei Gesichtern sah er ein Schmunzeln.
„Man ermöglicht mir damit etwas eigentlich Unmögliches. Man ermöglicht mir, gehört zu werden. Worte so zu sprechen, dass sie sich in Ihnen ausbreiten und heute Nacht auch etwas in Ihnen verändern. Es gibt viele wichtige Worte, die nie gehört werden. Sie haben heute Nacht die Gelegenheit jedes meiner wichtigen Worte zu hören.“
Die Aufmerksamkeit war gestiegen. Johann selbst hatte sich den Vorgang bisher nur in den abstrakten Worten erklären können, die er soeben weitergegeben hatte. Es funktionierte ein ums andere Mal. Er fuhr fort. Redete erst noch ein paar Minuten theoretisch und wurde dann konkret. Er erzählte die Geschichte einer Nacht. Schweigend wurde ihm zugehört.

Eine Viertelstunde später beugte er sich erneut über die Leiche. Die flackernden Scheinwerfer der Fahrzeuge waren verschwunden. Polizei und Krankenwagen waren verschwunden. Sein eigenes Auto parkte direkt neben der Leiche. Die Straße war immernoch abgesperrt. Bald würde er auch diese Hinweise entsorgen. Die Scheinwerfer seines Autos strahlten die Leiche an und bohrten sich die Straße hinab in das Dunkel der Nacht.
Johann nahm eine Schere zur Hand und schnitt dem Toten entlang der Wirbelsäule die Kleidung durch. Er zerrte sie zur Seite und fand auch hier keine Überraschungen. Über den gesamten Rücken erstreckte sich ein weiteres Tattoo. Es war blutverschmiert und nicht auf Anhieb zu erkennen. Dennoch machte Johann hier ebenfalls eine Sanduhr aus. Die gleiche Form, die gleiche Funktion. Auch diese Uhr war leer, war nur ein Rahmen. Erneut prüfte er ihre Echtheit. Wieder wurde sie bestätigt.
Johann schaute sich um, streckte sich und ging zur Rückseite seines Wagens. Mit einem Ploppen öffnete sich das Schloss der Kofferraumklappe. Er drückte sie hoch. Lichter leuchteten im Inneren auf. Der Stauraum war gänzlich mit einer Plastikwanne ausgekleidet. Selbst die Unterseite der Klappe leuchtete in weißem Plastik. Die weiße Farbe reflektierte das Licht dreier Scheinwerfer, die jeden Winkel des Raumes ausleuchteten. In der Mitte des Kofferraums lag ein durchsichtiger Plastikumhang. Johann faltete ihn auseinander und streifte ihn über, setzte sich auch die Kapuze auf. Steckte er einmal in dem Anzug galt es sich zu beeilen. Schnelle Schritte brachten Johann zurück zum Toten. Als er dessen Arme nahm ächzte er leicht. Er zerrte ihn hoch und warf ihn sich über die Schulter. Mit festem Auftritt erreichte er den Kofferraum, legte den Toten hinein, bedeckte ihn mit dem Plastikanzug und schloss die Klappe.

Peter Stumpf parkte wie üblich vor seiner Garage. Er hatte den Innenraum ausgebaut, sodass dort kein Platz für ein Auto war. Das kleine Reihenhaus hatte er gemeinsam mit Freunden Stein auf Stein selbst gebaut. Es gab Fotos von Haus, Garage, Auto, seiner Frau und ihm selbst, die ihn mit Stolz erfüllten.
Jetzt war es dunkel. Er stellte den Motor ab, stieg aus, schloss die Tür und ging weiter zur Haustür. Völlige Routine, ohne besondere Gedanken. Um niemanden zu wecken schloss er die Türe vorsichtig auf und ließ den Schlüssel stecken. Als er bemerkte, dass am Ende des Flurs, in der Küche, Licht brannte konzentrierte er sich weniger auf seine Lautstärke.
Seine Frau saß am Küchentisch. Als er auf Socken und mit aufgeknöpftem Uniformshemd eintrat, stand sie auf und umarmte ihn.
„Wie ist es gelaufen?“
„Gut, denke ich,“ antwortete er. „Wir werden den Fall wohl nicht behalten.“
„Tatsächlich?“
„Ja. War nur Routine. Man könnte sagen, falscher Alarm. Als wir ankamen war schon alles erledigt. Wir haben dann noch ein bisschen mit den Kollegen gesprochen. Morgen dürfen wir alle ein paar Stunden später auftauchen, wegen dem Nachteinsatz.“
„Dann ist ja alles in Ordnung,“ lächelte sie.
„Genau,“ entgegnete er. „Alles in Ordnung.“
Ungefähr 15 Minuten später lagen sie fest schlafend in ihrem Bett.