Kurzgeschichte: Novemberabend im Wald

Die folgenden Ereignisse trugen sich am 27. November zwischen 18 Uhr und 21 Uhr in einem Waldstück unweit der Deutsch-Niederländischen Grenze zu. Die Tatsache, dass es jemanden gibt, der sie niederschreiben kann ist Zufall, man könnte es Glück nennen. Aus diesem Grund möchte der Erzähler geheim bleiben. Namen wurden verfremdet. Der Rest wird so berichtet, wie er weitergegeben wurde. Es ist die Wahrheit, die übermittelt wurde.

Nur in weiter Ferne und unmittelbar vor ihm war ein Licht zu sehen. Ganz dort hinten befand sich das Dorf aus dem er gekommen war. Seit er es verlassen hatte waren die Straßenlaternen angegangen, sodass sich ein schimmernder Schleier um die dunklen Häuserformen gelegt hatte. Das Licht vor ihm war viel näher. Es stammte von einer kleinen Laterne, die jemand an einen niedrigen Ast gehängt hatte.

Während er zwischen den Bäumen zurück auf das Dorf schaute, lehnte er von der Laterne abgewandt im Schatten eines Stammes. Man konnte es eigentlich nicht Schatten nennen. Hier war alles dunkel. Finster. Pechschwarz wie Teer. Wie ein See aus schwarzer Tinte. Und vieles mehr. Nicht der Schatten war außergewöhnlich, es war die Lampe und deren Licht. Besser also: Während er zwischen den Bäumen zurück auf das Dorf schaute, vermied er es im Licht der Laterne zu lehnen.

Man sollte auch von den Geräuschen erzählen. Ich kann nicht sagen, was er wirklich hörte, kann nicht beschreiben, was sich zwischen seinen Ohren für Klänge bildeten. Doch ich kann rekonstruieren, wie es ist dort zu stehen, an jenem Baum und in vollkommener Dunkelheit. Natürlich war dort Wind, der die verbliebenen Blätter von den Bäumen schüttelte und deren Äste knarren ließ. Sie bewegten sich, verwinkelte Arme, die nach dir greifen. Der Wind selbst pfeift in solch einem Wald. Er rast durch die Bäume und wird verwirbelt, durchgeschleudert und deswegen heult er. Und die Tiere. Im knöchelhohen Schnee sind es nicht mehr Viele. Vor allem zu dieser Jahreszeit hat sich der Großteil zurückgezogen. Doch es gibt einige Vögel, die auch Nachts noch aktiv sind. Es gibt Rehe, die zwischen den Bäumen weglaufen, besonders wenn sich ein Mensch nähert. Besonders, wenn sie ihn wittern und gemeinsam mit Füchsen und Wölfen verstehen müssen, was sich dort nähert. Nachtaktiv. Das ist ein sinnliches Wort für jenes Tier, dass die diese Tageszeit beherrscht. Als stumme Beobachter sitzen die Eulen in den Bäumen, dunkeln und lassen ihre Schreie ertönen, die sie zu mehr als Beobachtern machen, sie zu Wächtern werden lassen. Ich muss diese Natur beschreiben, um verständlich zu machen, was ihn umgab, wovon er nichts bemerkte, als er nur die knirschenden Schritte hörte, die sich mitsamt der Laterne entfernten.

Hatte die Laterne nicht am Ast gehangen? Diese Frage ist berechtigt, sie steht in direktem Zusammenhang mit mir. Eigentlich lautet sie folgendermaßen: Erinnere ich mich überhaupt an diese Laterne, an diesem Ast, in dieser Entfernung von ihm, mit diesem Licht und diesem Schatten? Oder war es eine andere Laterne mit anderem Licht? Die Erinnerung ist fließend. Klar ist, dass ich nicht mehr schlafen darf, bis diese Geschichte erzählt ist. Gott behüte, wenn ich mich an einem Morgen nicht mehr an das Richtige erinnere.

Er hatte die Laterne vom Ast genommen. Mit der rechten Hand muss es gewesen sein. Schließlich war er Rechtshänder und musste sich in diesem Moment beinahe augenblicklich mit der linken Hand an einem Baum abstützen. Der Schnee verbarg die kleinen Fallen des Waldes. Nicht nur Blätter verschwanden unter der weißen Decke, auch deren Urheber und vor allem ihre Wurzeln. Er sah sie nicht und stöhnt auf, als sein Fußgelenk umschlug. In diesem Moment war ihm bewusst, dass er es noch nicht geschafft hatte. Aus dem Dorf, hinaus in den Wald, aber hier konnte alles in einer erfrorenen Leiche enden. Immernoch. Der Schmerz biss ihn und fraß sich sein Bein empor. Es dauerte mehrere Sekunden, bis er sich gefangen hatte, bis er sein Bein wieder spüren konnte und den nächsten Schritt wagte. Kein Schrei fuhr ihm aus dem Mund. In dieser Umgebung wäre es kein normaler Ruf gewesen. Ohne Zweifel wäre es der Schrei des Todes gewesen.
Er ging weiter. Vorsichtig setzte er den Fuß in den Schnee. Bei jedem Schritt versank er bis zum Knöchel in der feuchten Kälte. Er kam nur langsam vorran. Die Bäume standen dicht beieinander. Ein Gefühl beschlich ihn. Ein Zeitgefühl. Er war nach der Dämmerung aufgebrochen, in Dunkelheit badend war er über die dreckigen Pfade des Dorfes geschwommen und hatte es verlassen. Dies war eine ganze Zeit her. Er wusste nicht, dass bereits zwei Stunden vergangen waren. Zumindest ungefähr kann ich diese Spanne benennen. Niemand wird es jemals beschwören können, doch manchmal muss man sich von Logik leiten lassen. Und wenn die einzige übrig gebliebene Logik gebietet hinaus in den Wald zu gehen und sich irgendwie über die Grenze zu schlagen, dann gibt es Menschen, die dieses Unterfangen wagen werden.

Viele Schritte später musste er sich nicht einmal umdrehen um zu wissen, dass er keine Lichter mehr sehen würde. Die Laterne in seiner Hand, besser die Kerze darin, brannte stetig herunter. Sie hatte einfach schon zu lange gebrannt, als das sie eine Nacht würde durchhalten. Er wagte nicht daran zu denken, was hinter dem flackernden Licht lag. Immer wieder streckte er seine Hand vor sich aus, weiter als die Laterne und oft reichte das Licht derselben nicht seine ausgestreckte Hand zu beleuchten. Sie verschwand einfach, war abgeschnitten von seinem Körper. Mehr und mehr verabschiedete sich so die eindeutige Impression seines Körpers. Gemeinsam mit der Kälte verlor er das Gespür für Zehen, dann Unterschenkel, dann Knie und mehr. Sein Geist lief automatisch weiter. Dachte an nichts und alles was zu diesem Moment geführt hatte. Dachte wieder an nichts und driftete dann. Bis er aufschreckte von einem Geräusch hinter sich, vielleicht auch neben sich, dann vor sich und wieder über ihm. Manchmal drehte er sich um die eigene Achse, dann lief er wieder in eine Richtung ohne zu wissen, welche es war. Irgendwann wurde ihm klar, dass er schon lange außer Sicht und außerhalb des Landes ein könnte. Ihm wurde klar, dass er vielleicht sein Ziel erreicht hatte. Dass er es unter Umständen schon geschafft hatte. Bei diesem Gedanken verließ ihn beinahe die Besinnung. Ihn verließ das Denken und die Vorsicht, als er auf die Knie fiel und die Lampe wie zum Gruße von sich weg gestreckt hielt.

Er spürte die Kälte nicht. Es war eine wilde Sensation, ein unsortierter Gefühlsausbruch, irgendwo zwischen Verzweiflung oder Freude. Eine Reaktion auf die fixe Idee, dass er es geschafft hatte. Ich möchte behaupten, dass er glücklich starb, doch die Wahrheit ist, dass er einfach nur starb. Nichts weiter. Sein Arm wurde schlapp. Sank herab und stellte die Laterne ab. Nur für eine Sekunde, nur um Luft zu holen. Luft für den letzten Schrei seines Lebens, der in einem Röcheln in den Wald hinein klang. Nach dem Röcheln zischte die Kerze und alles Licht verschwand. Es gab vermutlich eine kleine Rauchfahne, aus dem glühenden Docht entsprungen, doch auch die verschwand. Schließlich kippte er zur Seite weg und war tot.

Hatte sie ihn vielleicht vom Fenster aus gesehen oder waren die Läden schon geschlossen gewesen? Vermutlich waren die Läden bereits geschlossen. Im Grunde war ihr sein Vorhaben sowieso klar gewesen, bevor er es überhaupt gedacht hatte. Sie wusste, wie wilde Tiere tickten. Hatte sie früher in der Weite ihres Heimatlandes kennengelernt. Auf Tuchfühlung mit ihnen gelebt. Und wenn ein wildes Tier in die Enge gedrängt wurde, dann gab es meist nur noch die Flucht nach vorne. Instinktgesteuert und ohne wirklich Nachzudenken. Der Mensch war da nicht anders. Ein denkendes Tier. Würde der Mensch nicht denken könnten, hätte er bei der Flucht nach vorne bessere Chancen. Es gäbe dann nur vor und kein Zögern. Aber der Mensch war ein Wurm, ganz besonders dieser Mensch war ein Wurm. Ein kleiner, kleiner Mensch, den sie schon lange durchschaut hatte. Sie war es auch gewesen, die ihn schließlich zur Flucht trieb.

Deswegen brauchte sie nur an der richtigen Stelle und zum richtigen Zeitpunkt warten. Nicht Stunden, sondern nur Minuten und dann tauchte er vor ihr auf. Sie drückte sich in einen Schatten, vielleicht eines Busches oder an das Gemäuer eines Hauses und er lief so nah an ihr vorbei, dass sie ihn schon dort hätte in Stücke reißen können. Sie tat es nicht, weil es nicht in ihrem Instinkt lag. Und weil sie Spaß haben wollte an diesem Abend. Sie wollte das was unvermeidlich war genießen. So lief er vorbei und sie folgte. Aus dem Dorf heraus. Über die Felder und hinein in den Wald. Flach auf dem Boden liegend drückte sie sich ins Gras, während er seine Laterne an einen Zweig gehangen hatte. Richtig verstand sie nicht was er dort tat. Sie hätte sein Gesicht sehen müssen um etwaige Emotionen zu deuten. Langsam schob sie sich näher. Die Dunkelheit barg sie. Der Wind barg sie. Der Schnee war eiskalt, aber sie trug Wolle und Fell. Dennoch war, auch wenn sie bereits einige Zeit hier war, diese feuchte Kälte befremdlich. Es gelang ihr sich zu beherrschen. Irgendwie war es auch einfach. Wo sie herkam, gab es Nachts auch Kälte, aber auch das endlose Licht des Mondes. Keine Gräser. Viel Staub. Wenig Wasser oder Feuchtigkeit. Nur ein oder zweimal im Jahr, aber dann in Mengen. Dort war es viel schwieriger sich zu verbergen. Hier tat die Natur es für sich.

Sie dachte an die alte Heimat und robbte weiter. Hatte es Menschen wie ihn auch dort gegeben? Sie glaubte nicht, erinnerte sich aber auch nur teilweise. Später hatte sie derartige Gestalten zuhauf gesehen. Stets waren von ihnen die Befehle gekommen, die sie laufen ließen. Dann kriechen ließen und auch schießen ließen. Die sie in die alte Welt geschickt hatten.

Als er mit der Laterne verschwand, sprang sie auf und rannte wieder los. Sie flog über das Feld und unter die ersten Bäume. Flackernd entfernte sich die Laterne und mit ihr der Mann, der die neue Ruhe im Dorf gestört hatte. Auch wenn der Krieg in dieser Gegend nicht aktiv gewütet hatte, so war er doch so präsent gewesen, dass nun Ruhe einkehren musste. Doch Menschen wie er würden das nicht zulassen und aus diesem Grund musste er verschwinden. Sie hatten es ihm deutlich zu verstehen gegeben. Dass es für ihn nur eine Möglichkeit gab. Sie war während dieser, nennen wir es Verhandlungen, dabei gewesen. Schweigend hatte sie in einer Ecke des Dorfgebäudes gesessen und zugehört. Sie war zu neu um eine echte Meinung haben zu dürfen. Zumindest durfte sie keine Meinung äußern. Sie wollte die neue Ruhe nicht selber stören, sie wollte sie bewahren. Gleichzeitig wollte sie nicht zulassen, dass Geschöpfe wie er woanders wieder aktiv wurden. Darum ging es hier. In dieser Schneemission.

Grimmig lachte sie in sich hinein, während sie seinen Fußstapfen folgte. Ja, eine weitere Mission. Sie würde bis zum letzten Feind kämpfen. Sollten die auf anderen Ebenen Frieden schließen so viel sie wollten. Sie musste es zu Ende bringen, um der Bewohner kleiner Dörfer willen. Und um sich selbst zufrieden zu stellen. Manchmal ist eine Sache deine Pflicht. Dann kommst du dieser Pflicht besser nach.

In den Schatten näherte sie sich ihm bis auf wenige Meter. Seine Kräfte schwanden. Immer wieder änderte er seine Richtung. Erst glaubte sie, dass dies ein geschicktes Manöver war. Es vergingen einige dieser Wechsel, bis sie verstand, dass er sich verirrte. Zu keinem Zeitpunkt machte sie sich Sorgen um ihre eigene Orientierung. Auch wenn sie sich auf einem anderen Kontinent befand, würde sie die Zeichen der Natur lesen, deuten und verstehen. Abgesehen davon: Zurück fand sie immer. Dennoch folgte sie seinen Verwirrungen mit zunehmendem Unbehagen. Er schien verletzt, zog einen Fuß nach und reckte die Laterne kraftlos in irgendeine Richtung. Das gehörte sich so nicht.

Möchte man sie wirklich verstehen, wie sie dort durch den Wald schritt, dann sollte man sich Folgendes bewusst machen. Nehmen wir an, wir haben einen guten Freund oder ein Familienmitglied. Jemanden, der uns sehr am Herzen liegt. Nicht so sehr, wie unsere große Liebe, aber dennoch ein wichtiger Mensch. Nehmen wir nun an, dass dieser jemand verschwindet und tot aufgefunden wird. Dieser Mensch hat sich selbst umgebracht, doch es war nicht seine Idee. Er wurde in den Tod getrieben. Nehmen wir all dies an oder ein ähnliches Szenario und stellen wir uns vor, dass sie sich auf den Weg machen um diese Person ausfindig zu machen. Sie machen sie ausfindig und stellen sie zu Rede, klopfen an die Tür oder klingeln und treten ein, vielleicht auch gewaltsam, doch in dem Moment in dem sie den Mund aufmachen, fasst sich ihr gegenüber an die Brust. Die Augen weiten sich und er fällt vornüber. Würden sie nicht schnell einen Schritt zur Seite treten wäre er glatt gegen sie gefallen. Derjenige stirbt und sie werden ihre Worte niemals loswerden. Sie werden den Knoten nicht lösen und sich nicht Gewissheit oder gar Rache verschaffen. Nehmen wir all dies an und gleichzeitig auch, dass zwischen ihr und ihm im Wald eine ähnliche Dynamik herrscht. Verstehen sie nun dieses Unbehagen?

Ich hoffe es. Als mir diese Geschichte erzählt wurde, fühlte ich mich in jenen Momenten schmutzig. Von einer Emotion erfüllt, deren Ursprung ich nicht kannte und deren Anwesenheit nicht richtig war. Jetzt noch zwingt sie mich dazu aus dem Fenster zu sehen, obwohl ich weiterschreiben muss. Sie lässt die Gedanken verschwimmen.

Als der Mann stürzte, keuchte sie auf. Sie stand fast neben ihm. Ein irrer Gedanke jagte den Nächsten. Ihm helfen. Ihn stützen. Ihn in die Arme nehmen. Ihm Würde geben. Ihm die Schmerzen ersparen. Sich selbst etwas beschaffen. Doch er knickte einfach zur Seite weg und fand sein Ende. Ohne ihre Hilfe, dabei hätte sie so gerne geholfen. Es wäre ihr keine Ehre gewesen, doch es hätte ihre Pflicht erfüllt.

Sie lehnte sich an einen nahen Baum und betrachtete den dunklen Körper. Die Flamme der Laterne war verloschen. Jetzt herrschte die tiefe Nacht. Das erste Mal seit langem blendete sie ihre Umgebung vollkommen aus. Die Tiere blieben im Hintergrund. Die Geräusche blieben im Hintergrund. Lange Zeit fasste sie keine Gedanken. Dann streckte sie sich und zog das Messer. Zwei Schritte brachten sie hinüber zu ihm. Ein Zögern. Doch das Messer wanderte dennoch an seine Stirn. Sie fasste seinen Haarschopf und riss. Der Körper schien schon vollkommen erkaltet. Mit der Linken hielt sie den Schopf. Mit der Rechten schnitt sie im Haare und Haut vom Schädel. Schälte seinen Kopf wie eine Frucht und legte das Fleisch frei. Es blutete kaum. Sie öffnete seinen Mund und stopfte Haut und Haare hinein. Sein Kiefer knackte und brach. Sie wollte noch mehr tun, doch es war sinnlos. Was vergangen ist, ist vergangen. Seinen Geist wird es nicht interessieren. Und sie wusste, dass es sie auch nicht mehr interessieren sollte. Sie hatte etwas sichergestellt. Keinen Gegenstand, sondern einen Zustand. Ihre Anwesenheit hatte etwas Wichtiges bezeugt. So war es bei jeder Leiche gewesen, auf die sie im Krieg gestoßen war. Still hatte sie etwas bezeugt. Manchmal war es ein kleiner Sieg gewesen. Oft eine große Niederlage. Manchmal war es gar nichts gewesen. Manchmal etwas.

Es dauerte zwei Stunden bis sie wieder im Dorf war. Tage und Wochen. Monate und Jahre vergangen. Sie wurde Teil des Dorfes. Wurde Teil der Gemeinschaft. Wurde ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Oft erinnerte sie sich an die alte Heimat. Sie hatte Traditionen und Motive mitgebracht und war dennoch ein anderer Mensch geworden. Alles hatte sie verändert. Sie dachte über viele Aspekte nach, blieb ein nachdenklicher Mensch. Seltener dachte sie an jene Nacht zurück. Doch viele andere taten es.

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Hatfields & McCoys

Dies ist eine Geschichte Amerikas. Klar, schon in der Ausgangssituation wurden sich ein paar Freiheiten genommen um die beiden Hauptfiguren gemeinsam im Bürgerkrieg zu zeigen, doch diese Änderung macht Sinn. Aus diesem Grund heißt es schließlich „basierend auf einer wahren Geschichte“. In der Realität lagen mehr als 10 Jahre Altersunterschied zwischen Anse Hatfield und Randall McCoy. Doch genug der Wahrheitsnörgelei, die in solchen Fällen schlicht unnötig ist. Eben weil sich Autoren und Regisseure Freiheiten nehmen entstehen Geschichten die größere Zusammenhänge portraitieren können. So auch hier, wenn Kriegskumpanen zu Feinden werden und ihre Familien über Jahrzehnte hinweg in Trauer und Tod versinken.

Interessant ist, dass die Zeitgeschichte um die Hatfields und McCoys eher im Hintergrund bleibt. Der groß Bruderkrieg ist da noch offensichtlich. Gleichfalls spannend ist aber auch die Welt an sich. Nach und nach gestalten sich die Hintergründe der Bilder ein wenig neu. Wo Krieg war hält Recht und vermeintliche Ordnung Einzug. Auf anderen Ebenen bildet sich nach und nach die Politik der Vereinigten Staaten. Hiervon erfährt man nur aus den Gesprächen der Figuren und nie offensiv und plakativ, was meiner Meinung nach die beste Methode ist um Geschichte darzustellen.
Eben weil solche Aspekte im Hintergrund passieren geht es in dieser Mini-Serie/ diesem Film vorrangig um Menschen. „Hatfields & McCoys“ ist eine Geschichte über das Menschsein und übergreifend, über alle Figuren hinweg werden in großer Bandbreite menschliche Emotionen und Lebenswege erzählt. Die Beziehungen lassen sich dabei gut und gerne shakespearian nennen. Romeo und Julia gibt es hier ebenso, wie Könige und Königinnen, Hofstaate und Intriganten. Gleichfalls auch die Abgründe menschlichen Handelns und die verschiedenen Entwicklungsstufen vom rechtschaffenden Menschen hinab in diese Abgründe. Es ist also ein großer Bogen, der hier geschlagen wird und ein weites Charakterspektrum, dass mir viel Raum zum mitfühlen, mitleiden, mitfiebern und mitleben gegeben hat.

Das „Hatfields & McCoys“ ein Western ist befeuert meinen Enthusiasmus umso mehr. Es ist das Setting selbst, welches diese Geschichte noch stärker macht. Woran liegt es, dass solche Ensemblestücke am Besten in historischem Setting funktionieren. Vielleicht, weil sie im historischen Setting erfunden wurden. Wie auch immer. Dies ist ein Western. Das klassisch, amerikanische Genre, welches sich wunderbar eignet um diese amerikanische Geschichte zu erzählen. Abgesehen davon bietet der Western inszenatorisch alle Möglichkeiten. Natur, das raue Land, Colts und Cowboys, Pferde und Wälder. Regisseur Kevin Reynolds nutzt die Motive des Westerns gekonnt und gestaltet sie mit Bravour. Nie wird es langweilig oder typisch. Irgendwie schafft er es das Bekannte auf eine Art zu zeigen, die uns nicht „achja“ seufzen lässt. Ebenso lässt er seine Schauspieler groß aufspielen. Auftritt Kevin Costner und Bill Paxton, die in den Hauptrollen authentisch und großartig spielen. Costner fängt dabei die streitenden Gefühle seiner Figur ein. Die Ruhe und Besonnenheit, sowie das Ehrgefühl und zuletzt tiefes Bedauern. Paxton weiß mit einem Blick großes Mitgefuhl auszulösen. Er ist ein gebrochener Mann, von Glaube und Welt verlassen. Weiteres Lob gebührt auch all den anderen Schauspielern. Erst durch sie wird alles greifbar und bis in die Nebenrollen ein großes Vergnügen.

Einmal mehr verwischen die Grenzen zwischen Fernsehen und Kino. Als Mini-Serie in drei Spielfilmlängen präsentiert, fühlt sich „Hatfields & McCoys“ an, wie die großen Epen vergangener Kinozeit. Man denke da auch an Costner’s eigenes Epos „Der mit dem Wolf tanzt“. So oder so, dieses Werk gehört zu den besten Western des 21. Jahrhunderts. Es ist groß und weit und tief in Bild und Erzählung. Zuletzt gab es zu lesen, dass Costner einen weiteren Western drehen möchte. Dieser soll zehn Stunden lang sein. Man möge es ihm ermöglichen.