The Bay Boy (Daniel Petrie, 1984)

Dieser Film ist weitestgehend unbekannt. Es gibt keine DVD Veröffentlichungen und vermutlich wird es die auch niemals geben. Dennoch ist es ein interessanter Film und ein Werk, welches derart ansprechend ist, dass es sich lohnt einige Worte zu verlieren. Gesehen habe ich „The Bay Boy“ auf Youtube und vielleicht ist dies mittlerweile der Ort für längst vergessene Perlen. Zumindest ist es der Ort für dieses kanadische Melodrama, dass uns in der Hauptrolle Kiefer Sutherland vorstellt, jenen Schauspieler, der Jahrzehnte später in der Rolle des Jack Bauer („24“) die Fernsehbildschirme der bekannten Welt eroberte. Hier ist er gerade einmal 18 Jahre alt. Dennoch spielt er sich die Seele aus dem Leib, geht vollständig in seiner Rolle auf und trägt den Film. 

Es ist ein merkwürdiges Gefühl einen Schauspieler in seiner ersten Rolle zu sehen. Hier liegt es auch an der Materie, doch Sutherland strahlt eine unverkennbare Reinheit, Unschuld und ein großes Gefühl aus. Für einige Momente erkennen wir ihn gar nicht und auch seine Stimme ist noch nicht von der Zeit gezeichnet. Gerade als Jungschauspieler ist es oft einfacher die Figur nicht zu verkörpern, sondern sie einfach zu sein. Genauso verhält es sich auch in „The Bay Boy“, denn Sutherland und Donald, so der Name seines Charakters, werden zu einer Person.

Die Handlung des Films spielt in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wir befinden uns in der Zeit der großen Depression und in einer kleinen Mienenstadt am Rande einer Klippe. Donald Campbell (Sutherland) lebt gemeinsam mit seiner Mutter Jenny (Liv Ullman), seinem Vater Will (Peter Donat) und seinem Bruder in diesem verschlafenen Ort, dessen Einwohner von harter Arbeit und dem Glauben an Gott geleitet werden. „The Bay Boy“ kann an dieser Stelle als Portraitfilm bezeichnet werden, gibt er uns doch weniger eine Handlung mit Wendungen und Überraschungen, als einen Einblick in das Leben des Jungen und die Leben der Gesellschaft. 

Aus diesem Grund sind es die Beziehungen, die uns besonders interessieren sollten. Donald selbst ist der Anker für den Zuschauer, der Mittelpunkt jeglichen Geschehens und wir sehen die Beziehungen durch seine sensiblen Augen. Getragen von einem poetischen Soundtrack schweben wir mit ihm durch das Dorf und von einem Ort zum Nächsten. Regisseur Daniel Petrie stellt uns seine Hauptfigur als nachdenklichen Menschen vor und auch als Menschen mit einem reinen Herzen. Heute muss man es fast schon innovativ nennen, dass Donald kein rebellierender Teenager ist, sondern ein Junge, der die Nöte der anderen Menschen versteht und zu helfen versucht.

Dies spiegelt sich in all seinen Beziehungen wieder. Herausragend ist die Dynamik zwischen Mutter und Sohn. Die beiden Schauspieler harmonieren erstklassig miteinander und schaffen es so das einzigartige Verständnis, welches zwischen den beiden Figuren existiert ansprechend zu verdeutlichen. Gleiches gilt auch für Donalds Beziehung zu seinem Vater. Ob in diesen familiären Beziehungen oder in Donalds Freundschaften, jegliche Figuren werden von Petrie mit einer Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit dargestellt, die keinesfalls selbstverständlich ist, in „The Bay Boy“ aber maßgeblich zu unserem Einfühlen in die Welt der Figuren beiträgt.

Im Laufe des Films wird Donald eine Menge erleben. Er wird hinter die Fassade verschiedener anderer Figuren blicken und dabei Dinge entdecken die ihm gefallen, aber auch Dinge, die ihm missfallen. In die letztere Kategorie fällt definitiv der Mord, den er beobachtet und der in ihm ein zentrales Trauma verankert, welches er in letzter Instanz nur durch Aufrichtigkeit und Empathie überwinden kann. Donald wird auch Liebe erfahren und eine erste sexuelle Erfahrung machen. Es sind die typischen Erlebnisse eines Aufwachsenden, die wir hier gezeigt bekommen, doch die Wahrhaftigkeit mit der sie gezeigt werden ist es, die sie für uns greifbar machen.

„The Bay Boy“ ist ein melodischer Film. Petrie spielt auf einer Klaviatur, stellt einen sehr spezifischen Moment im Leben eines Menschen detailliert dar und durch diese Spezifizität werden die Erlebnisse Donalds allgemein gültig. Der größte Verdienst, den „The Bay Boy“ leisten kann ist, dass der Film uns den Raum gibt uns unserer eigenen Erfahrung bewusst zu werden. Am Ende sitzen wir vor dem rollenden Abspann und reflektieren über unser eigenes Aufwachsen. Wir identifizieren die Berührungspunkte mit Donald und erkennen Teile von uns selbst. Schon Minuten nach dem finalen Bild kommt uns „The Bay Boy“ wie eine traumhafte Erinnerung vor. Eine Erinnerung, die wir in unserem persönlichen Erfahrungsschatz nicht missen wollen.

43. Kapitel: 23:30 bis 00:00 – Stanley

Der Wein prickelte leicht in Stanleys Mundhöhle, doch er war Stärkeres gewöhnt. Bald würde alles Leben enden.

„Möchten Sie Ihre Uhr nicht auf den Tisch legen? Dann müsste ich nicht immer fragen.“

„Gerne“, erwiderte der andere Mann und platzierte die Uhr mit ausgestreckten Bändern zwischen Ihnen auf der Tischplatte. Stanley warf einen Blick darauf.

„Die letzten Züge“, sagte er dann und lächelte erneut, so wie er es einige Sekunden zuvor schon einmal getan hatte.

„Wir werden es erleben“, fügte der andere Mann an.

„Und dann werden wir nichts mehr erleben.“

Stanley betrachtete den Menschen auf der anderen Seite des Tisches. Sein Verständnis der Welt mochte dieser Mensch nicht teilen, doch trotzdem schien er die gleiche eigentümliche Ruhe zu besitzen, die ihn selbst erfüllte.

War es überhaupt Ruhe? Oder war es nur die Gewissheit ein unausweichliches Hindernis erreicht zu haben. Stanley glaubte an Letzteres. Und ich habe es mir selbst geschaffen.

„Ich habe meine Frau gesehen. Eben, wissen Sie? Als ich auf mein Zimmer gegangen bin, habe ich mich auf mein Bett geworfen und geschlafen und da habe ich sie gesehen.“

Stanley genehmigte sich einen weiteren Schluck Wein.

„Sie meinen, dass Sie von ihr geträumt haben?“

„Genau. Ich sah Sie vor mir, aber in einer Begebenheit, die so noch nicht stattgefunden hat.“

„Wie war Sie, Ihre Frau?“

Stanley rückte ein wenig näher an den Tisch heran. Trotz allem war das Gespräch irgendwie angenehm. Weil es mich ablenkt. Aber Ablenkung benötigte er im Grunde nicht mehr. Das Gespräch fühlte sich für ihn angenehm an, weil es eine Geschichte erzählte. Wie meine Bücher.

„Ich traf Sie als ich fünfzehn war. Da war ich noch ziemlich grün hinter den Ohren. Sie wissen wie Jungs in dem Alter sind. Wir verlieben uns in jedes hübsche Mädchen, dass uns über den Weg läuft und beschließen auf der Stelle den unumgänglichen Heiratsantrag. Bei mir war es nicht anders. Nur bei Ihr nicht. Sie wollte ich nicht heiraten, zumindest nicht von Anfang an. Ich war auch nicht augenblicklich verliebt. Ich war, nun, ich war interessiert. Aufrichtig interessiert an ihr und in diesem Alter hat mich eigentlich gar nichts aufrichtig interessiert.“

Der andere Mann gluckste. Stanley sah wie die Erinnerungen in ihm hochstiegen und sein Gesicht glätteten. Die sorgenvollen Falten der letzten Stunde, alles was sich dort angesammelt hatte, wurden ausgebeult. Stanley lachte ebenfalls auf.

„Als Jugendliche meinen wir Menschen, dass wir grundverschieden voneinander sind, aber im Grunde erleben wir alle das Gleiche“, sagte er.

„Ich habe es natürlich nicht hinbekommen sie kennenzulernen. Nervös wie ich war funktionierte nichts und ich beschloss traurige Songs zu hören und mich nicht mehr um Mädchen zu kümmern.“

Der andere Mann hielt Inne. Stanley konnte förmlich sehen, wie er auf seinem Bett saß und den Plattenspieler Scheibe nach Scheibe drehen ließ.

„Einige Jahre später, ich war wohl mittlerweile 24 Jahre alt, sah ich sie wieder und da lief es besser. So platt es klingt, ich war erwachsen geworden und zu dem was man einen Menschen nennt. Diesmal schaffte ich es. Mit ihr zu sprechen. Sie kennenzulernen. Und schließlich auch alles andere. Und dann wieder zurück. Sie können sich denken, was ich geträumt habe. Die Wiedervereinigung.“

Stanley nickte. Es war eine nette Geschichte, sogar eine gute Geschichte.

„Sie haben gelebt“, sagte er.

Nun nickte der andere Mann. Sie schwiegen für einige Sekunden, in denen Stanley einen kurzen Blick auf die Uhr warf. Der andere Mann schien sie nicht mehr wahrzunehmen. Irgendwann hob er den Kopf und nickte Stanley zu.

„Sie wohl auch“, bedeutete er grinsend.

„Definitiv“, sagte Stanley. „Jedoch nicht wie sie. Ich habe vorhin auch nicht geträumt. Mir kamen lediglich Erinnerungen an Kreuzungen und an die Wege, die ich an ihnen eingeschlagen habe.“

„Keine Frau?“

Stanley zögerte. Was solls.

„Doch. Meine Mutter.“ Er grinste den anderen Mann an und der tat es ihm wieder gleich.

„Sie war eine wundervolle Frau. Heute ist sie lange tot. Sie hat mir das Trinken und das Rauchen gezeigt, mich aufgezogen wie einen Wolf, aber ich sage Ihnen, es waren großartige Zeiten. Ich habe sie geliebt. Sie war stark, eigenwillig und stark.“

„Die Art und Weise, wie Sie von ihr sprechen sagt mir, dass Ihr Vater nicht zugegen war?“

„Richtig“, bestätigte Stanley. „Den habe ich nie kennengelernt. Es waren nur wir zwei und dann der Rest der Welt. Bonnie und Clyde, wobei Clyde noch ein kleiner Junge war. Eine Zeitlang waren wir das beste Mutter Sohn Gespann, dass Sie je gesehen haben. Aber auch ich wurde 15. Genau wie Sie. Mit dem Unterschied, dass ich ein Wolf geworden war und in die Welt hinausstürmen musste. Was ich auch tat.“

Stanley begegnete dem Blick des Anderen. Er sah eine Traurigkeit in den Augen des Mannes. Er wollte sie nicht sehen und sie gab ihm absolut nichts. Dennoch war es eine menschliche Reaktion. Mitleid.

„Sie haben sie nie mehr gesehen, nicht wahr?“

Er nickte, aber der Geste hätte es eigentlich nicht mehr bedurft.

„Ich traf Entscheidungen und heute habe ich gelernt damit zu leben. Vielleicht nicht so glücklich, wie Sie in Ihren besten Jahren. Aber es war dennoch in Ordnung.“

„Das verstehe ich“, erwiderte der Mann und schenkte Ihnen Wein nach. Als er die Flasche wieder absetzte klopfte sie neben der Uhr auf den Tisch. Das Geräusch zog die Blicke der beiden Männer an und Stanley erblickte erneut das Ziffernblatt. Instinktiv wusste er, dass der andere Mann das Gleiche sah.

Zeitgleich hoben sie die Köpfe und für Bruchteile von Sekunden blickten sie bis in die tiefsten Untiefen Ihrer Herzen.

„Sie ist schon eine Wahnsinnsfrau“, sagte der andere Mann.

Robert. Dieser andere Mann heißt Robert.

Er hieß Robert.

„Das war sie“, erwiderte Stanley.

— 

Ende