Once Upon a Time … in Hollywood (Quentin Tarantino, 2019)

Vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich in einem namenlosen Interview Quentin Tarantinos Beschreibung des Westerns „Rio Bravo“ gelesen oder gehört. Tarantino beschrieb jenen Film mit John Wayne als Hangout-Movie, einen Film, in den der Zuschauer jederzeit wieder reinkommen kann. Einen Film, der sich im Grunde nicht durch eine komplexe Handlung, sondern durch einnehmende Figuren auszeichnet. Figuren, die der geneigte Zuschauer derart aus dem Film mitnimmt, dass er oder sie gerne mal wieder mit ihnen zusammentrifft. Tarantinos eigene Filme haben seit je her diese Qualität. Und zumindest in meiner Wahrnehmung kann er sie mit „Once Upon a Time in Hollywood“ noch einmal auf ein neues Level bringen. Dieser Film ist das ultimative Hangout-Movie. Er besitzt eine klar abgesteckte Rahmenhandlung in der sich für die Charaktere größtenteils alltägliche Szenen abspielen. Innerhalb dieser Szenen lernen wir unsere Hauptfiguren kennen und, wenn man dazu geneigt ist, lernt man sie schätzen und freut sich auf das nächste Wiedersehen.

Ich habe „Once Upon a Time in Hollywood“ bisher zweimal gesehen. Dazwischen lagen ungefähr drei Wochen und die Vorfreude vor der zweiten Sichtung war ungebrochen. Irgendetwas, vielleicht sind es auch viele kleine Dinge, an diesem Film spricht mich sehr an und begeistert mich derart nachhaltig, dass ich, wenn ich ehrlich bin, denke: Ich könnte das Teil andauernd schauen.

Was genau das ist lässt sich durchaus beschreiben, lässt es sich doch in fast jeder Szene ablesen. Einige Beispiele: Ich liebe diesen ersten Moment, wenn Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und Cliff Booth (Brad Pitt) in das Auto steigen, Cliff den Schlüssel dreht, das Radio anspringt und sie hinaus in die Welt fahren. Ganz ohne Worte, aber mit so viel Charme. Was für ein Einstieg. Oder nehmen wir diese gelbe Titelschrift, die Tarantino immer in seinem Vorspann verwendet. Das ist ein Gefühl von Heimat. Hier kommt man in einen filmischen Hafen, den es sonst fast nicht mehr gibt. Dieses Eventkino, dass nicht durch Effekte gesteuert ist, sondern durch ein einzigartiges Kinoerlebnis, welches nur aus einer ganz bestimmten Hand kommen kann. Momentan besitzt nur Christopher Nolan auf dem gleichen Budgetlevel ähnliche künstlerische Freiheiten. Es gibt in diesem Film lange Sequenzen an Filmsets und alle davon sind großartig. Das geht dann bei mir so weit, dass wir einem Film im Film beiwohnen und diese Szenen, die vor unseren Augen für eine fiktive Serie gedreht werden, ebenfalls spannend sind, ebenfalls gefangen nehmen und ganz für sich funktionieren.

Beschreibt man so eine Szene, dann klingt es ungefähr so: Der Schauspieler DiCaprio spielt einen Schauspieler namens Rick Dalton, der auf ein Filmset geht und dort eine Rolle spielt. Und all dies hat Zwischentöne. Rick Dalton hat eine Geschichte. DiCaprio hat eine Geschichte und die Figur, die Dalton darstellt hat auch eine Geschichte. In „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt es Szenen die all diese Zwischentöne vereinen. Diese Szenen kann man sich immer und immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln ansehen und jedes Mal etwas Neues aus Ihnen ziehen.

Viel wurde im Vorfeld der Veröffentlichung über den Umgang mit Sharon Tate und den Manson Morden spekuliert und geschrieben. Schon Jahre vorher wurde „Once Upon a Time in Hollywood“ als Tarantinos Manson Film abgestempelt. Wie wunderbar, dass Tarantino derartige Erwartungen geschickt zu unterwandern weiß. Hier geht es nicht direkt um die Manson Family. Sie taucht auf und sie schwebt im Hintergrund, aber hier geht es um sehr persönliche Empfindungen in Bezug auf eine vergangene Zeit. So wird dann auch Sharon Tate nicht durch ihr trauriges reales Schicksal definiert, sondern von Tarantino wunderbar zu einer echten Person gemacht. Wir sehen sie in alltäglichen Situation. Wir sehen sie als eine positive Macht, sie ist der strahlende Mittelpunkt der Handlung. Sie ist all das Gute und Schöne in der Welt des Kinos. Tarantino setzt ihr so das einzig richtige Denkmal, welches sie im wahren Leben nie erhalten hat.

Abgerundet wird das Dreigestirn der Hauptfiguren durch Cliff Booth (Brad Pitt), seines Zeichens Stuntdouble von Rick Dalton, aber auch Handwerker und Chauffeur für seinen berühmten Freund. Cliff hier in diesem Film zu sehen und durch Brad Pitt dargestellt zu erleben ist vielleicht die schönste Erfahrung, die man dieses Jahr im Kino machen kann. Trotz seiner zweifelhaften Vergangenheit (hier macht Tarantino etwas, dass dem Inhalt des Koffers aus „Pulp Fiction“ ähnelt) finde ich diese Figur unendlich sympathisch. Was wir hier sehen ist abgeklärte Kompetenz auf jedem Level. Allein Pitts Schauspiel ist derart kompetent, dass er hierfür zumindest für den Oscar nominiert werden wird. Eine Performance die vor Leichtigkeit strotzt ist schließlich niemals leicht. Pitt verschmilzt mit Cliff und schafft es zumindest in meinen Augen auch, dass der Zuschauer irgendwann nicht mehr Brad sondern Cliff denkt. Zusätzlich ist da auch eine Menge Tiefe in diesem Menschen. In einem Gespräch mit Paul Thomas Anderson hat Tarantino gesagt: „Cliff in the war. That alone is five movies.“ Tarantino hat diese Figur, wie alle seine Figuren, als ganzheitliche Person konzipiert. In Pitts Gesicht sieht man all diese Historie und in der Art und Weise wie er lebt sieht man einen Menschen, der in seinem Leben eine gewisse Ruhe gefunden hat. Abgesehen davon: Cliff in the war! Das wäre auch ein Film, den ich gerne sehen würde.

Am Ende ist „Once upon a time … in Hollywood“ wohl Tarantinos gefühlvollster Film. Es ist ein melancholischer Abgesang auf eine vergangene Zeit und er geht in diesem Moment, in dem wir uns auch von Filmemachern wie Tarantino verabschieden einem echten Filmfan so richtig ans Herz. Doch selbst wenn man diese Melancholie in Bezug auf das Kino nicht spürt, so sind es die Figuren, die eine weitere emotionale Welt eröffnen. Die inspirative Ausgeglichenheit von Cliff. Sein Sinn für Gerechtigkeit. Die aufgedrehte Unsicherheit von Rick. Sein Kampf mit dem Alter und Alltag. Die rückhaltlose Neugier von Sharon. Ihr selbstbewusstes Lächeln auf der Straße. All dies verpackt in einer filmischen Hülle, die in jeder Abteilung, ob Kamera, ob Schnitt, ob Ausstattung meisterhaft erstrahlt, macht Tarantinos 9. Film zu einem unbestreitbaren Erlebnis in diesem Jahr und für Jahre in der Zukunft.

Alan Moore über unsichere Zeiten

„In an era of stress and anxiety, when the present seems unstable and the future unlikely, the natural response is to retreat and withdraw from reality, taking recourse either in fantasies of the future or in modified visions of a half-imagined past.“ Alan Moore (Watchmen)

Hier ist der Beweis, dass die Kommentarspalten des Internets nicht immer nur von wütendem Mob beherrscht werden. Das oben stehende Zitat fand ich unter einem Youtube Video. Alan Moore war mir schon vorher ein Begriff. Autor zahlreicher bekannter Comic Bücher, darunter „Watchmen“, „The Killing Joke“ und „From Hell“. Der Brite ist auch Romanautor, aber ich habe noch keines seiner Bücher gelesen. Als ich über das Zitat stolperte, musste ich innehalten. Besser hat es wohl selten jemand gesagt. Ich las es mehrfach. Schrieb es in ein Notizbuch. Vergaß es wieder, fand es erneut und dachte weiter darüber nach. Fasst nicht dieses Zitat unsere Gegenwart zusammen? Berührt es nicht jede politische oder gesellschaftliche Strömung? Und fasst es nicht auch die kleine Situation des Einzelnen zusammen?

Wir können das Zitat ganz einfach chronologisch betrachten. „In an era of stress and anxiety..“ – In Zeiten von Stress und Unruhe. Unumstößlich. Unumgänglich. Dies ist ein Fakt, für den es viele zugrunde liegende Ursachen gibt. Nie waren wir gestresster. Nie hatten wir mehr Unsicherheit in unserem Leben. So fühlt es sich an. Auch die politische Bühne war nie unsicherer, was Stress verursacht. Gesellschaftlich laufen wir Idealvorstellungen nach, stressen uns durch Sport und Arbeit, schaffen in der Arbeitswelt immer wieder Unsicherheiten. Binden Unsicherheit getarnt als fortlaufenden Wandel in unsere Prozesse ein. Wissenschaftler sprechen von Stress Epidemien. Wir sehen Wahlergebnisse, die einzig auf Unsicherheit und Stress zurück zu führen sind.

„When the present seems unstable and the future unlikely“ – Wenn die Gegenwart instabil erscheint und die Zukunft unwahrscheinlich. Was lernen wir denn jeden Tag, wenn nicht, dass alles unberechenbar geworden ist? Das jederzeit alles passieren kann. Das unsere Gegenwart jeden Moment aus den Fugen geraten kann. Wie sehen wir denn unsere Zukunft? Denken wir mit Zuversicht an sie? Haben wir das Gefühl, dass sich alles in eine positive Richtung entwickelt? Ich glaube, jeder kann dies für sich am Besten beantworten. Ich für meinen Teil kann Moores Gedanken unterschreiben und mit eigenen Gedanken füllen.

Die nächsten beiden Halbsätze des Zitats gehen weiter. War die erste Zeile eine Gegenwartsbeschreibung, so analysiert Moore nun die Situation und stellt dar, was er als Reaktion auf diese Gegenwart beobachtet. „The natural response is to retreat and withdraw from reality“ – Die natürliche Reaktion ist es sich zurückzuziehen und sich der Realität zu entziehen. Moore beschreibt ein zutiefst menschliches Verhalten. In Situationen die uns überfordern sagt der Instinkt oft „Rückzug“. Man versucht die Situation zu negieren oder auf irgendeine Art angenehmer zu machen. Diese Art und Weise eine Situation, genauer die oben beschriebene Situation, angenehmer zu machen ist für Moore eine Abkehr von der Realität und hin zu „fantasies of the future“ oder „modified visions of a half-imagined past“ – Also Zukunftsfantasien und den veränderten Visionen an eine halb erinnerte Vergangenheit.

Gerade letzterer Rückzugsort trifft den Nagel vollständig auf den Kopf. Moores Beschreibung ist hier präzise und wunderbar zugleich. Desto mehr wir darüber nachdenken, desto intensiver wird es. Wer kennt schließlich nicht das Gefühl, dass Erinnerungen vielleicht gar nicht so passiert sind, wie wir sie erinnern? Wer kennt nicht das Gefühl, das das Vergangene in unserem Kopf auch immer nur unsere Interpretation des Vergangenen sein könnte. Dorthin flüchten wir uns laut Moore. In unsere eigene Interpretation einer Vergangenheit, in der vermeintlich alles besser war. In der noch alles möglich war. In der das liegt was hätte sein können. Gleichsam die Zukunft. Der Ort an dem noch alles möglich ist. An dem noch nichts entschieden ist. Zuletzt befruchten sich die beiden Fluchtorte gegenseitig. Wir denken an das was war, an die Zeit in der alles besser war und malen daraus eine Fantasie der Zukunft.

All dies ist menschlich und vielleicht gehört es zum Menschsein einfach dazu. Dennoch wird es in verschiedenen Fällen problematisch. Wenn wir uns der Realität entziehen und nur noch in selbst erdachten Traumwelten wandeln oder in ein Stadium der Depression abrutschen. Wenn wir uns der Realität entziehen und nach einer Vorstellung einer politischen Welt sehnen, die zu Recht vergangen ist. Passiert so etwas im Kollektiv, krankt schnell eine gesamte Gesellschaft an Realitätsverlust. Wird dabei eine kritische Masse überschritten, wird es auf übergreifender Ebene gefährlich.

Schlussendlich muss der natürliche Instinkt passend kanalisiert werden. Meiner Meinung nach ist er nicht grundsätzlich schlecht. Die Frage ist, wie man mit dem, was einem die Vergangenheits- und Zukunftsvisionen zu bieten haben umgeht. Klar ist, die Gegenwart ist das was zählt. Eine gewisse Kontrolle über die natürliche Reaktion ist notwendig. Nur die Gegenwart, nur die Realität kann eine Lösung für Stress und Unsicherheit bieten. Vergangenheit und Zukunft können lediglich Inspirationsquellen sein, aber niemals eine Lösung. Vielleicht sind die Slogans auf den T-Shirts also nicht ganz verkehrt. Vielleicht ist es in einer Zeit von Stress und Unsicherheit erstmal wichtig ruhig zu bleiben und weiterzumachen. Nur durch Ruhe und momentane Sicherheit ermöglichen wir uns überhaupt erst die Chance zu sinnvollem Reflektieren und einem passenden Weg von der Gegenwart in die Zukunft.